Praxis der Sportpsychologie: „Gut sein, wenn´s drauf ankommt – Verbesserung der mentalen Stärke“


Sportpsychologische Aspekte spielen noch nicht lange eine bedeutsame Rolle, wenn es um die Verbesserung der sportlichen Leistungsfähigkeit bei Sportlern geht. Früher gewann derjenige, der körperlich besser trainiert war. Erst seit den 60ger Jahren wurde deutlich, dass gerade bei der großen Leistungsdichte, derjenige am Ende „die Nase vorne haben wird“, der auch mental gut trainiert ist und in der Lage ist, auch unter Druck und in der Wettkampfsituation die Leistung abzurufen, die im Training gezeigt wurde. In Deutschland haben sich erst 1969 die Sportpsychologen zur Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) zusammengeschlossen.
Mit welchen Themen beschäftigen sich nun Sportpsychologen? Neben der Verbesserung der mentalen Stärke und der Verbesserung der Teamfähigkeit unterstützen Sportpsychologen die Athleten und Mannschaften auch im Umgang mit Aggressionen, Ängsten und im Umgang mit schwierigen Lebensumständen.

Ein Fall aus der sportpsychologischen Praxis: Ein Tischtennisspieler
(2. Bundesliga) antwortet auf die Frage, warum er Rat bei einem Sportpsychologen sucht folgendes: „Beim letzten Spiel stand es bei einem Spielstand von 2:2 im fünften Satz 10:2 für mich und ich habe den Satz 10:12 verloren. Als es nur noch 10:6 stand konnte ich kein Tischtennis mehr spielen, ich hätte sogar gegen meine Oma verloren!“

Nehmen wir den Sportler wörtlich und überführen wir ihn bzgl. seiner Denkfehler: 1. Er konnte bei 10:6 noch Tischtennis spielen, 2. Er hätte seine Oma besiegt!

An diesem Beispiel wird deutlich, wie wichtig das positive Denken beim sportlichen Erfolg ausmacht. „Der Gedanke versetzt Berge“ sagt ein Sprichwort, und ein alter chinesischer Philosoph wusste schon „Nicht das Ereignis macht das Problem, sondern die Gedanken, die ich mir bezüglich des Ereignisses mache“ aber was konkret macht nun das „positive Denken“ aus?

Bleiben wir beim Tischtennisspieler, der feststellt, dass sein Vorsprung von 10:2 auf 10:6, 10:7, 10:8 geschmolzen ist. Er kann sich jetzt schwach reden und den Gegner stark oder sich klar machen, dass er bisher ein gutes Spiel gespielt hat, sich auf die aktuelle Situation konzentrieren und hinter sich lassen, was noch vorhin war „Was fott es es fott“ sagt der Kölner (für nicht Kölner: „Was fort ist ist fort“). Es bringt also nichts, sich mit dem Vergangenen zu beschäftigen, ebenso wenig bringt es etwas, zu versuchen, nicht an den nächsten Fehler, nicht an die drohende Niederlage zu denken – versucht mal ganz fest, nicht an einen rosa Elefanten zu denken! – sondern meinen Fokus sollte ich auf das richten, was als nächstes ansteht (Annahme, Aufschlag) oder was ich als nächstes – in Abhängigkeit der Aktionen des Gegners – versuchen werde (Block, Topspin, kurzer Stoppball etc.). Hier treten oft folgende irrationale Gedanken auf:
1. Ich darf keine Fehler machen
2. Ich muss immer geliebt geschätzt und anerkannt werden
3. Niemand darf schlecht über mich reden
4. Ich muss den Erwartungen meines sozialen Umfeldes gerecht werden
5. Die Welt muss fair und gerecht sein
6. Es gibt nur „gut oder böse“, „richtig oder falsch“
7. Wenn ich verliere ist es eine Katastrophe
8. …
Selbstverständlich, wer macht schon gerne Fehler, wer möchte nicht, dass andere einen bewundern, … aber die Realität sieht anders aus. Wenn diese wirklichkeitsfremden Gedanken zu stark werden, kann ich meinen Sport nicht frei ausüben. Um seine Gedanken zu kontrollieren, helfen hier folgende Überlegungen:
1. Sind meine Gedanken realistisch oder beschäftige ich mich mit Vermutungen oder Befürchtungen?
2. Helfen mir meine Gedanken, mein Ziel zu erreichen, also erfolgreich im Sport zu sein?

Stelle ich als Sportler fest, dass mir meine Gedanken wie in dem geschilderten Beispiel eher schaden als nützen, kann der Athlet den „Gedankenstopp“ verwenden. Ich erkläre meinen Gedanken quasi, dass sie stören und zur Seite gehen sollen und beschäftigte mich wieder mit meinen Stärken, lasse z.B. blitzschnell meinen letzten großen Sieg vor meinen Augen ablaufen. Selbst bei einer 2:1 Führung und einem Spielstand von 10:6 „beschummele“ ich mich und sage mir: „Noch hast Du nicht verloren, versuche wenigstens den nächsten Ball sicher und gut zu spielen!“ und auch bei einen 2:2 Satzstand und einem 10:10 Spielstand ist quasi – unabhängig von gesamten Spielverlauf – „nichts passiert“. Der mental starke Spieler freut sich auf die Entscheidung, glaubt an seinen Sieg und spielt die Bälle – technisch sauber – „wie im Training“. Dieses Grundprinzip lässt sich auf fast alle anderen Sportarten übertragen:

Einige weitere Fälle aus der sportpsychologischen Praxis aus der letzten Zeit in Kürze:
Ein Eiskunstläufer traut sich nicht, eine schwierige Übung, die im Training meistens gelingt auch im Wettkampf einzusetzen, aus Angst zu versagen. Sportpsychologische Gegenmaßnahme: Aufbau von Selbstvertrauen, „Was kann schlimmstenfalls passieren“

Eine Boxerin, qualifiziert für die Deutschen Meisterschaften, hat Angst in den Ring zu steigen, weil sie nach elf Siegen die letzten 3 Kämpfe verloren hat. Hier half der Aufbau von Selbstvertrauen und – wie beim Tischtennisspieler – die Korrektur von irrationalen Gedanken.

Ein Radrennfahrer hatte von den letzten 10 Rennen keins gewonnen, war aber 6 x Zweiter geworden. Stärkung der „Siegermentalität“, sich im Kopf immer wieder den Sieg vorstellen.

Ein Golfspieler und früherer NRW-Meister war für die deutschen Meisterschaften qualifi-ziert. Da er bisher nach schlechten Bällen oft weitere Fehlschläge hinterher setzte, verbesserte er seine Fähigkeit, Fehlern nicht nachzutrauern sondern sich erneut auf seine Stärken zu konzentrieren.

Eine Sportstudentin war zweimal durch die Abschlussprüfung gefallen, da sie bisher keinen gültigen Versuch in Hochsprung geschafft hatte.   In der Prüfung springt sie persönliche Bestzeit.

Ein Billardspieler spielt besonders dann nicht auf seinem möglichen Niveau, wenn er in einem Turnier gegen seinen früheren Trainer spielen musste. Seine negativen Gedanken: 1. Gegen den Trainer darf man nicht gewinnen, 2. Der braucht das Preisgeld dringender als ich. Gegenmaßnahme: Korrektur der irrationalen Gedanken und Fokussierung auf die nächste sportliche Aktion.

Ein Fußballspieler aus der A-Junioren Bundesliga spielt immer dann schlecht, wenn er wusste, dass Scouts ihn beobachten. Es gelang ihn, sich zu „beschmunzeln“, er dachte – wenn er feststellte, dass negative Gedanken auftauchten – dann blitzschnell an seinen größten sportlichen Erfolg: Ein Spiel mit einer NRW-Auswahl in Japan von 65.000 Zuschauern!

Diese Beispiele machen deutlich, dass ein Sportler zwar physisch gut trainiert sein muss, um erfolgreich zu sein, die mentale Stärke aber entscheidend ist, wenn es um die Umsetzung der Trainingsleistung unter Wettkampfbedingungen geht. Jeder der erfolgreich sein will kann und muss hier ansetzen.

Literatur:

Eberspächer, Hans (2011). Gut sein, wenn´s drauf ankommt – Erfolg durch mentales Trai-ning. München, Deutschland: Carl Hanser

Gilbert, Brad; Jamison, Steve (1997). Wonnig Gully – Wie man bessere Gegner schlägt. Lüneburg, Deutschland: Zu Klampen

Railo, Willi (1986). Besser sein wenn´s zählt – Wege zum Erfolg in Sport und Beruf. Tübingen, Deutschland: Pagina

 

Text von:

Jürgen Walter,

Dipl.-Psychologe und Sportpsychologe asp/BDP, Lehrbeauftragter der Universität Köln und der Dresden International Unversity

 

Sind Sportler die richtigen Vorbilder?


Spitzensportler nehmen in der Gesellschaft seit vielen Jahren, sei es bewusst oder unbewusst, eine Vorbildfunktion ein. Die möglichen Gründe dafür sind vielfältig:
Ist es die herausragende Leistung die ein Athlet erbringt, die hohe Präsenz in den Medien oder der damit verbundene Starstatus der sie so begehrenswert macht?

Der Sport selbst stützt seine Daseinsberechtigung auf ein Konstrukt aus vielfältigen Argumenten. Er liefert laut eigener Aussage unter anderem die Motivation zur Nachahmung, ein spannendes Unterhaltungsangebot für Fans und Interessierte sowie das angesprochene Identifikationspotential für jedermann.
Beim Blick auf die deutsche Sportlandschaft wird schnell ersichtlich dass sich über die Jahre hinweg eine stark ausgeprägte Monokultur entwickelt hat. Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass viele Verantwortliche aus den unterschiedlichsten Disziplinen den Zeitpunkt versäumt hatten, sich an den veränderten Gegebenheiten der Branche, sei es aus professioneller als auch ökonomischer Sicht, zu orientieren und darauf basierend neu einzustellen.
Die Defizite vieler Sportdisziplinen sind deshalb deutlich zu erkennen. Verwässerte Strukturen im Ligen- oder Turnierbetrieb entwerten gewonnene Titel und führen zu einem immer weiter schwindenden Interesse. So kommt es nicht selten vor, dass eine Deutsche Meisterschaft, ein Europameistertitel oder sogar ein Weltmeister nicht einmal mit einer Randnotiz in den Medien gewürdigt wird. Darüber hinaus fehlen die Gesichter in der Öffentlichkeit die stellvertretend für den Erfolg einheimischer Sportler stehen und für den Nachwuchs den Anreiz schaffen einen ähnlichen Weg einzuschlagen und diesen konsequent und sorgenfrei gehen zu können. Die Gesellschaft braucht Vorbilder die Orientierung geben und alternative Möglichkeiten aufzeigen, die einen Mehrwert liefern und dafür gleichzeitig auch anerkannt werden müssen. Die Realität ist, dass der Sport längst nicht mehr ein reiner Leistungsvergleich einzelner Athleten oder Mannschaften ist, sondern vielmehr auch zu einem Geschäft geworden ist, an welches eine Vielzahl an Existenzen geknüpft sind.
Dabei stellt sich die Frage inwiefern Sportler tatsächlich noch eine Vorbildrolle erfüllen können. Wie wird der tatsächliche Erfolg vor dem Hintergrund der genannten Entwicklungen heute noch definiert?

Sind es die Gehälter, die öffentliche Vermarktung, der Ruhm und die Liebe der Fans die ein Nacheifern motivieren oder sind es die unzähligen Trainingsstunden und emotionalen Achterbahnfahrten die möglicherweise am Ende einen Triumph für die Ewigkeit bescheren, welche jemanden antreiben sein Leben einer einzigen Disziplin zu widmen.
Die Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und der Sport selbst müssen einen Weg finden, eine vermehrt heterogene Sportlandschaft zu schaffen. In der sowohl klar kommuniziert wird als auch Anreize geschaffen und Werte vermittelt werden, die junge Menschen animieren und die Gesellschaft als solche inspirieren, gleichzeitig aber auch den direkt beteiligten Akteuren Chancen offenbart, sich dem Leistungssport in allen Bereichen verschreiben zu können ohne dass dabei ihre Zukunft und das Leben nach der Karriere zum Nachteil wird.

S.M.

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